Im Rahmen der Märchen-Themenwoche in den Winterferien fand sich eine Handvoll Mädchen und Jungen zusammen, um mit Vivian, Vehibe und Stefan ein eigenes Märchen zu erfinden. Gemeinsam sammelten die Kinder die fantasievollsten Ideen.

Der grüne Knurzwurz

Ein Märchen von Stefan, Vehibe & Vivian

unter Mitwirkung von den Kindern Merjeme, Andonesa, Ayda, Estefania & Anil

 

Es war einmal… So oder ähnlich fangen ja alle Märchen, die du kennst, immer an. Also spitz die Ohren und pass gut auf!

Unsere Geschichte beginnt im warmen Italien, in einer der schönsten Städte der Welt – in der „ewigen Stadt“ Rom. Hier habe ich vor einigen Monaten meinen wohlverdienten Urlaub verbracht. Ganze Straßenzüge stehen vor dir und du glaubst irgendwann, du wärst in einem riesigen Museum. Hier in Rom ist alles so alt und gleichzeitig so schön, dass man am liebsten jeden Winkel mit der Kamera festhalten möchte.

Hier findest du beinahe an jeder belebten Ecke einen Laden mit dem leckersten Eis von der ganzen Welt. Grüne Papageien sitzen in den Bäumen und kreischen um die Wette und trotz der sehr belebten Straßen glaubst du, hier würde die Zeit stehen bleiben. In den Springbrunnen planschen Kinder und fühlen sich wohl, wie ein Vögelchen in einer Pfütze nach dem Regen.

Am heißesten Tag des Jahres, es waren gerade 38 Grad im Schatten, ging ich durch das historische Viertel, direkt auf die berühmte Engelsburg zu. Auf der alten Brücke hörte ich plötzlich etwas, was nicht dort hingehörte. Was war das? Ich hielt inne und lauschte der Umgebung. „Psssst!“ Wo kam das her? Ich dachte mir, völlig verrückt – jetzt höre ich schon Stimmen! Gerade wollte ich weitergehen, da war es schon wieder: „Pssssst…Hey“ flüsterte es, fast unhörbar.

„Wo bist du?“ fragte ich fast ebenso leise, damit die Menschen, welche sich dicht an mir vorbei drängelten, nicht denken, ich wäre ein einfältiger Mann, der Selbstgespräche führt. Doch genauso fühlte ich mich gerade. „Ich bin hier!“ hörte ich die leise Stimme. „Wo denn?“ kam es mir fast lautlos über die Lippen. „Hier unten, an deinem rechten Fuß!“ Erschrocken machte ich einen Schritt zurück. „Hey, pass mal auf! Du trittst mich ja zu Brei!“ Hoppla. Ich sah nach unten auf den Weg, dessen Pflastersteine älter waren, als deine Ur-Ur-Uroma heute wäre. An meinem rechten Schuh hielt sich mit aller Kraft ein kleines Männchen fest. Ich staunte sehr und glaubte, zu träumen. Das Männchen war von oben bis unten grün, trug keine Schuhe, dafür aber einen knallroten Rucksack auf dem Rücken. In der Hand hielt es einen blauen Wanderstock mit einer Silber blitzenden Fahrradklingel. Alles war gerade so groß, dass es für das Männchen passte. „Ich bin der grüne Knurzwurz“ sagte es zu mir. Ist das alles echt? Ich war mir nicht mehr sicher, ob es nicht die unglaubliche Hitze war, die mir hier einen kleinen Streich spielte. Schnell sah ich wieder weg und nahm einen großen Schluck vom frischen, eiskalten römischen Quellwasser aus meiner Flasche. „Haha, nein Du träumst nicht!“ sagte der grüne Knurzwurz und schlug sich vor Lachen auf seine Schenkel. „Ich bin so echt, wie die Taube über dir auf dem Brückengeländer.“ „Was willst du von mir? Wo kommst du her? Und überhaupt – warum gerade ICH?“ Der grüne Knurzwurz sah zu mir hoch. Er stellte sich vor mich, nahm eine bedeutungsvolle Körperhaltung an und seine Worte, die er sprach klangen schon fast festlich. „Ich wollte schon immer einem Menschen aus Deutschland kennenlernen. Am liebsten einen echten Berliner. Ich habe dich reden hören und laufe dir schon sehr lange hinterher. Glaub mir, es war gar nicht so leicht, mit dir Schritt zu halten!“ Ich sah zu ihm herunter und betrachtete mitleidig seine kleinen Stummelbeinchen. In der Tat musste das Männchen doch mindestens zehn Schritte machen, wenn ich nur einen tat. Immer noch sehr ungläubig hörte ich seinen Worten zu. „Weißt du, eigentlich wohne ich hier auf der Engelsburg. Wenn am Abend alle Besucher das Kastell verlassen haben und sich die riesigen Türen schließen, erwachen hier alle wieder zum Leben. Zusammen mit meiner Freundin, Prinzessin Ayda und ihren Eltern, König Merdian und Königin Lavin erlebe ich hier die verrücktesten Dinge!“ Ich starrte das Männchen mit offenem Mund an und alles was es zu mir sagte, wirkte auf mich unglaublich spannend. „Erzähl mir mehr von dir!“ bat ich den Knurzwurz. „Und warum weiß kein Mensch von der Existenz deiner Freunde?“ Der kleine Mann sah zu mir auf. „Das erzähle ich dir, wenn du mich mit zu dir nimmst!“ WAS? „Ich wohne in einem Hotel, und da bin ich nicht allein. Wie soll ich dich vor den anderen verbergen?“ „Das“, sprach der Knurzwurz, „ist gar nicht schwer. Du versteckst mich einfach in deiner Minibar. Da ist es so schön kühl, wie in den dunklen Verließen unserer Burg.“ Ich beugte mich nach unten, streckte die Hand aus und deutete dem Männchen, es solle aufsteigen. Der grüne Knurzwurz war so klein, dass er sich fast in meiner Hand vor den neugierigen Blicken der anderen Menschen verkrümeln konnte. „Ich bin nur 7 Zentimeter und 8 Millimeter groß“ sagte das kleine grüne Wesen und ich verstaute es in meiner Tasche.  Miauuu… Eine schwarzweiß gefleckte Katze strich um meine Beine und schaute fragend zu mir nach oben. „Wo willst du hin, Knurz?“ hörte ich sie fragen. Das Männchen schaute aus meiner Tasche und rief „ich schaue mir ein wenig die Welt an, Luisa. Pass mir gut auf Andonesa und Mejreme auf!“ „Ach, die können schon sehr gut auf sich selbst aufpassen“ brummte die Katze zurück!“ Knurzwurz sah mich an und erklärte: „Die beiden Mädchen sind nämlich unsere allerbesten Menschenfreunde und ganz nebenbei die Einzigen, welche von unserer Existenz wissen.“ „Außer mir…“ warf ich schnell ein und ich ertappte mich dabei, ein wenig stolz zu klingen. Noch ein letzter Gruß und wir machten uns auf den Weg durch die Stadt. Unterwegs plapperte der grüne Knurzwurz unentwegt. „Weißt du, hier in Rom gibt es ja so viel Geheimnisvolles! Meine Freundin Hexe Estefania hat viele Dinge und Tiere verzaubert, so dass wir uns alle miteinander unterhalten können. Das ist echt lustig. Wenn du genau hinhörst, kannst du sogar die Bäume flüstern hören!“

Ich hörte dem kleinen Mann aufmerksam zu, während  wir die weltberühmte Spanische Treppe herab stiegen. Irgendwie fühlte ich mich, wie ein Teil eines wunderbaren Märchens. „Hey, rennt nicht so!“ wieherte das Pferd einer Kutsche am Straßenrand. Es war seltsam, denn seit das Männchen in meiner Tasche war, konnte ich die Tiersprache verstehen. „Wollt ihr mit fahren?“ Der alte Gaul schaute uns an. Knurz winkte ihm zu. „Heyho Anil, heute nicht. Wir sind auf dem Weg nach Berlin!“ „Oh, BERLIN! Das ist eine sehr schöne Stadt. Mein Onkel Herbert lebt dort und kutschiert Menschen aus aller Welt vom Brandenburger Tor durch die ganze Stadt! Wenn ihr ihn trefft, grüßt ihn schön von mir!“ Im Hotel angekommen, schmiedeten mein neuer Freund und ich einen Plan, ihn mit zu mir nach Hause zu nehmen.

Nach einer Nacht in der kühlen Minibar nahm ich den grünen Knurzwurz heraus und legte ihn zwischen meine Kleidung in den Koffer. „Du…“, flüsterte das Männchen etwas ängstlich, „hier ist es aber ganz schön dunkel!“ Ich griff kurz entschlossen nach meiner Taschenlampe und legte sie zwischen die Sachen. „Hier hast du Licht. Hast du es dir gut überlegt, mit mir auf Reisen zu gehen?“ „Frag mich das nochmal!“ entfuhr es dem Knurzwurz. „Hast du es dir gut überlegt, mit mir auf Reisen zu gehen?“ Der kleine Mann verdrehte die Augen und ich verstand endlich. Der grüne Knurzwurz war von seinem Vorhaben, die „ewige Stadt“ zu verlassen, nicht abzubringen. Auf dem Flughafen hörte ich es laut aus meinem Koffer singen: „Berlin, Berlin – wir fahren nach Berlin!“  Dabei schien Knurz im Inneren der Tasche zu tanzen.

Ständig gab das weiche Leder des Koffers nach und man konnte eine dicke Beule vom beim Tanz ausgestreckten Bein erkennen. Langsam wurde auch ein Streife laufender Polizist auf mein Gepäckstück aufmerksam. „Buongiorno mio signor, per favore seguimi!“, was so viel heißt, wie „Guten Morgen mein Herr, bitte kommen Sie mit!“. Mir wurde ganz plötzlich schwarz vor Augen und ich spürte den eiskalten Angstschweiß auf meiner Stirn.

Ist Ihnen nicht gut? Ich hörte die Stimme einer freundlichen Dame. Es war die hübsche Flugbegleiterin und ich sah mich nach allen Seiten um. Sie sind auf dem Flug fest eingeschlafen. Wir befinden uns bereits im Landeanflug auf Berlin Tegel. Würden Sie sich bitte wieder anschnallen und den Sitz aufrecht stellen? Ich sah sie etwas verwirrt an und nickte ihr langsam zu.

Die freundliche Dame war schon fast am Weggehen, als sie sich mir noch einmal zuwandte, mich anzwinkerte und fragte: „Wer ist eigentlich der grüne Knurzwurz?“